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Kfz-Haftpflichtversicherer und "Schadenmanagement"

Die Frage drängt sich geradezu auf: Was verbirgt sich hinter einem so harmlos klingenden Begriff wie "Schadenmanagement" ?

Antwort: Eine konzertierte Aktion der Versicherungsbranche, um mit allen Mitteln die Kosten für Mietwagen, Sachverständigengutachten Entschädigungszahlungen und Rechtsberatung zu senken.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, daß es sich dabei um ein durchaus ehrenwertes Ziel handelt, denn Kostensenkung ist ja ein im Interesse aller Versicherten liegendes Ziel, von dem jeder einzelne Versicherungskunde durch Beitragsstabilität oder gar -senkung profitieren kann.

Tatsächlich kann mit dem sog. "Schadenmanagement" eine Beschneidung der Rechte des einzelnen Versicherungsnehmers einhergehen.

Im einzelnen gehen die Versicherer wie folgt vor:

  1. Mit einer eigenen Mietwagenfirma setzen sie die anderen Mietwagen-Verleihfirmen unter Druck, indem sie bewußt niedrige Preise kalkulieren und demjenigen Geschädigten, der trotzdem einen anderen Mietwagenverleih in Anspruch nimmt, den Vorwurf machen, er habe gegen seine Schadenminderungspflicht verstoßen, weil er nicht den günstigsten Verleiher beauftragt habe. Folge: Nur ein Teil der Mietwagenkosten wird dem Geschädigten erstattet. Die restlichen Kosten muß der Versicherte selbst bezahlen.
    Folge dieser Maßnahme war, daß der Aufwand der Versicherungen für Mietwagenkosten tatsächlich zurückging. Das unglückliche Ende für diese Projekt kam vom Bundeskartellamt: Verbot wegen wettbewerbswidriger Preisabsprachen! Die (bis zu diesem Zeitpunkt ca. 50!) Versicherer durften sich nicht mehr an die sog. "Carpartner Autovermietung" binden.

  2. Oftmals wird versucht, mittels eigener Sachverständiger die Kosten für die Instandsetzung des Unfallfahrzeuges so niedrig wie möglich festzusetzen. Dabei kann schon mal eine Schadenposition wie der sog. "merkantile Minderwert" als der Wert, der dadurch entsteht, daß sich ein Unfallfahrzeug schlechter und zu einem niedrigeren Preis im Vergleich zu einem unbeschädigten Kfz verkaufen läßt, "vergessen" werden.

  3. Einige Versicherer haben ein eigenes Kfz-Sachverständigen-Unternehmen gegründet, um die Schadenabwicklung ebenso wie durch die eigene Autovermietung in den eigenen Reihen zu halten. An den Honoraren der freien (nicht versicherungsgebundenen) Sachverständigen werden Honorarkürzungen vorgenommen, die der Geschädigte als Auftraggeber des Gutachtens dann selbst zahlen soll. Dabei ist es gerichtlich entschieden, daß freie Sachverständige mindestens 30 % auf die Sätze der DEKRA aufschlagen dürfen, da die DEKRA eine große Firma ist, die ganz anders kalkulieren kann, als ein kleines Sachverständigenbüro. Eine Kürzung der Honorare mit Verweis auf die Sätze der DEKRA ist somit rechtlich nicht haltbar.

  4. Die neueste strategische Maßnahme der Versicherer: Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GdV), ein Zusammenschluß der einzelnen Versicherungsunternehmen, hat vor kurzem das komplette Netz der Notrufsäulen auf deutschen Autobahnen übernommen. Ziel dieser Maßnahme ist es, daß "Schadenmanagement" so früh wie möglich einsetzen zu lassen. Der Geschädigte wird, was als besonderer Service angepriesen wird", direkt mit seinem Versicherungsunternehmen verbunden. Dieses entscheidet dann, was zu tun ist, nicht der Versicherungsnehmer. Es besteht die Gefahr, daß dem Geschädigten klar gemacht wird, daß er keinen Gutachter und schon gar keinen Rechtsbeistand brauche, denn die Versicherung kümmere sich ja umfassend um sein Wohl. Der versicherungseigene Sachverständige schätzt den Schaden, daß Versicherungsunternehmen besorgt den Mietwagen, der beschädigte Wagen wird in der mit dem Versicherer kooperierenden Kfz-Werkstatt repariert und ein Rechtsanwalt wird auch nicht beauftragt, da er bei diesem optimalen Service sowieso nichts mehr bewirken kann und nur unnötige Kosten verursacht.

Dies alles geschieht vor dem Hintergrund einer seit Jahren eindeutigen Rechtssprechung, die besagt, daß der Geschädigte natürlich zu kostensparendem Verhalten verpflichtet ist.
Dies bedeutet jedoch keinefalls, daß er mehrere Vergleichsangebote von Autovermietern einholen und den günstigsten auswählen muß.
Es bedeutet ebenso nicht, daß er auf
ein Sachverständigengutachten verzichten muß oder ein solches nur vom versicherungseigenen Gutachter erstellt werden darf.
Auch kann es nicht sein, daß die Versicherung als Voraussetzung für die Zahlung der Entschädigung vom Geschädigten die Reparaturrechnung von seiner Kfz-Werkstatt verlangt, da dieser immer noch das Recht hat, auf fiktiver Basis nach Kostenvoranschlag abzurechen, egal ob er sein Kfz reparieren läßt oder nicht.
Schließlich bedeutet díe Pflicht zur Schadenminderung für den Versicherungsnehmer nicht, daß dem Versicherten sein Recht zur Inanspruchnahme eines Rechtsanwaltes genommen wird und er so die Kontrolle über die effektive und vollständige Schadenabwicklung verliert, nur damit die Versicherer Kosten sparen.

Es gilt daher Folgendes zu beachten:

  • Bei einem Unfall auf der Autobahn sind Sie nicht verpflichtet, sich mit Ihrem Versicherer über die zu treffenden Maßnahmen abzustimmen. Es ist z.B. Ihr gutes Recht, den ADAC zu rufen und die Bergung und das Verbringen zur nächsten Werkstatt Ihrer Wahl dort in Auftrag zu geben. Sie werden dazu allerdings in Zukunft an der Notrufsäule ausdrücklich äußern müssen, mit wem Sie sprechen möchten.

  • Sie haben das Recht, sowohl die Werkstatt als auch den Autovermieter, bei dem Sie ein Unfallersatzfahrzeug mieten, selbst zu bestimmen. Wegen der Schadenminderungspflicht sollten Sie allerdings stets eine Fahrzeugklasse unter derjenigen, in die Ihr beschädigtes Auto eingestuft ist, bleiben.

  • Auch Ihr Recht zur Wahl eines Gutachters, den Sie beauftragen, kann Ihnen keine Versicherung nehmen. Die Kosten für diese Gutachten muß die gegnerische Versicherung bei Verschulden deren Versicherungsnehmer jedenfalls dann erstatten, wenn es sich nicht um einen Bagatellfall handelt. Ein solcher liegt nach der Rechtssprechung bei einem Schaden bis ca. 1.000,- DM vor.

  • Schließlich sollten Sie sich auch nicht vor der Beauftragung eines Rechtsanwaltes scheuen, der dafür Sorge tragen kann, daß Sie in den Verhandlungen mit Versicherung des Schädigers effektiv Ihre Interessen vertreten können. Auch die Kosten dieses Anwaltes muß die gegnerische Versicherung bei alleinigem Verschulden ihres Versicherungsnehmers komplett übernehmen, da diese Kosten der zweckentsprechenden Rechtsverfolgung dienen.

Autor: Rechtsanwalt Heiko Wenzel


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